Experten blicken hinter die heile Welt des Sports

Dopingfreier Spitzensport – die Illusion einer heilen Welt? Das «Ja» der Referenten Hajo Seppelt, Matthias Simmen und Matthias Kamber am Symposium in Magglingen fällt mehr oder weniger deutlich aus.

Kaum Einschränkungen zu seinem «Ja» hatte Hajo Seppelt. Der bekannteste Investigativ-Journalist im deutschen Sprachraum lenkte den Blick auf das System des Sports. «Der Sportler dopt, er macht Rekorde, der Sportler wird nicht erwischt, alle profitieren – Sportler, Verband, Sponsor, Trainer, Manager, Fernsehanstalt – und man spricht nicht über Doping. Das ist das beste Geschäftsmodell», sagte er. Seiner Ansicht nach fehlt in der Sportwelt das Interesse, dieses System zu durchbrechen. Zu eng verbandelt sind alle Akteure.

Auch seine Berufskollegen – sportpress.ch, der Verband der Schweizer Sportjournalisten organisierte den Themenmorgen – nahm Seppelt nicht von der Kritik aus. «Manche Journalisten blenden unangenehme Sachen bewusst aus. Häufig besteht sogar die volle Absicht, Negatives nicht zu zeigen», meinte er und fügte ein Zitat eines Kollegen an, bei dem er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte: «Der Sportjournalist ist der Sportfan, der es über die Absperrung geschafft hat.»

Matthias Kamber, der abtretende Direktor Antidoping Schweiz, wollte sein «Ja» weniger absolut verstanden wissen. «Vollständig dopingfreier Sport ist eine Illusion. Aber keine Illusion ist es, den Sport möglichst dopingfrei zu halten. Gute Kontrollen, investigativer Journalismus oder auch Prävention können helfen, Doping im Sport tief zu halten.» In der Schweiz existiere eine unabhängige Dopingbekämpfung. «Diesen ersten Schritt haben wir gemacht. Aber der zweite fehlt noch. Es fehlen die Finanzen.»

Ein klares «Ja» kommt hingegen von Kamber auf die Frage, ob Russland wegen des vom Staat gelenkten Dopingprogramms im Hinblick auf die Spiele 2014 in Sotschi – die Beweise sind erdrückend – von den Olympischen Spielen im Februar in Pyeonchang ausgeschlossen gehört. Russland habe gegen die olympische Charta verstossen. «Der Ausschluss wäre nicht eine Kollektivstrafe, sondern ein Ausschluss des russischen Systems», betonte er.

Matthias Simmen, der als Biathlet für die Schweiz zwischen 2002 bis 2010 dreimal an Olympischen Spielen startete, erzählte von der die Ohnmacht, von Athleten geschlagen zu werden, mit denen er in den Vorbereitungswettkämpfen noch in Tuchfühlung gewesen war. Sportlerkollegen aus Österreich oder Russland, mit denen er auch privat verkehrte, bevor sie als Dopingsünder entlarvt wurden, bescherten ihm persönliche Tiefschläge. «Trotz dieser Enttäuschungen war es für mich nie ein Thema, die Flinte ins Korn zu werfen.» Seine Reaktion auf diese Vorfälle? «Man glaubt an das Gute im Menschen, man lebt seine Leidenschaft.» Und Simmen betonte, auf mögliches Doping in den eigenen Reihen angesprochen: «Für mein Team würde ich die Hand ins Feuer legen.»