Holdener und die Wochen im Scheinwerferlicht

Das Scheinwerferlicht wird für Wendy Holdener in den nächsten Wochen ein steter Begleiter. // Bild Keystone

Wendy Holdener steigt am Freitag in die intensivste Saisonphase. Der Druck steigt, vor allem an den Olympischen Spielen, an denen die 24-Jährige an der Bestätigung der WM-Medaillen gemessen wird.

von Roger Züger

Am 23. Oktober 2010 debütierte Wendy Holdener im alpinen Skiweltcup. Ihre Feuertaufe im Riesenslalom von Sölden bezahlte die damals 17-jährige Unteribergerin jedoch mit Lehrgeld: 8,08 Sekunden Rückstand und Rang 55. Das hochgesteckte Ziel – der zweite Durchgang – wurde nicht erreicht. Der damalige Frauen-Trainer Mauro Pini wollte eigentlich nur, dass Wendy Holdener einmal Erfahrungen sammelt. Aber: «Wenn ich schon starten darf, will ich das Maximum herausholen », sagte das Nachwuchstalent mit Jahrgang 1993, das zu diesem Zeitpunkt im Vergleich mit den Gleichaltrigen in der Weltrangliste an oberster Stelle stand – in der Abfahrt, im Super-G und im Slalom. Ihr Potenzial demonstrierte Holdener im Weltcup jedoch einen Monat später im Slalom in Aspen (USA), als sie erstmals in die Top 20 fuhr, und als sie in Courchevel (FRA) das Kunststück wiederholte.

Inzwischen sind fast acht Jahre vergangen, mit dem gestrigen «Riesen» auf dem Kronplatz (ITA) 145 Weltcup-Rennen zusammengekommen. 18 Mal konnte Holdener aufs Podest steigen, zweimal einen Sieg feiern. Spätestens seit der Heim-WM in St.Moritz und mit dem Gewinn der Gold- (Kombination) und Silbermedaille (Slalom) spielt die lediglich 167 Zentimeter grosse Athletin im Konzert der ganz Grossen. Nun folgt in den nächsten Wochen ein Mammutprogramm – inklusive Olympischen Spiele.

Wendy Holdener, nach einem happigen Programm zu Jahresbeginn hatten Sie etwas ruhigere Tage.Wie haben Sie diese genutzt? Wir haben mehr oder weniger trainiert, auf der Lenzerheide,in St.Moritz, und haben die guten Bedingungen genutzt, um das Optimum herauszuholen. Aber ich war auch kurz zu Hause, habe beispielsweise eine Skitour im Ybrig gemacht und etwas Abstand gewonnen.

Ihr eigenes Gold-Stübli im Restaurant «Sternen» konnten Sie auch besuchen? Nein, auf den Skipisten im Hoch-Ybrig war ich heuer leider noch nie.Ich habe das Stübli zum letzten Mal bei der Einweihung im Oktober gesehen, aber vielleicht schaff ich es ja bald einmal…

Sie fahren eine gute Saison, sind fünfmal aufs Podest gestiegen und haben sich unter den vier besten Slalomfahrerinnen etabliert. Sind Sie zufrieden mit dem Saisonverlauf? Im Grossen und Ganzen ja, jedoch nicht durchgehend. Ende November und Anfang Dezember hatte ich zu kämpfen. Nach dem Ausfall im Slalom und dem 19. Rang im «Riesen» inKillington war ich in einem Loch. Und was hat geholfen, um wieder aus dem Loch zu kommen? Das ist schwierig zu sagen. Es ist nicht immer einfach, vor allem nicht, weil ich in Sölden (6. Riesenslalom; Red.) und Levi (3. Slalom; Red) super in die Saison gestartet bin. Nach Killington wollte mein Kopf nicht mehr. Ich hab mich abgelenkt, versucht, auf andere Gedanken zu kommen – irgendwie hat es dann scheinbar funktioniert.

Am Neujahrstag standen Sie im Parallel-Slalom in Oslo im Final der Slalomkönigin Shiffrin gegenüber. Wie sehr schmerzt das um 17 Hundertstel verlorene Duell? (Tiefer Seufzer) Ich habe mich sehr geärgert, vor allem weil ich den ersten Lauf gut erwischt habe, bis auf den Start, wo ich kurz hängengeblieben bin. Dennoch hatte ich nur eine Hundertstelsekunde Rückstand. Im zweiten fuhr ich extrem angriffig, Shiffrin aber fehlerfrei.

Sie sind Mitte Dezember zur Schweizer Sportlerin des Jahres 2017 gewählt worden und sagten, dass Ihnen das viel Schub für Ihr Selbstvertrauen gibt. Spüren Sie diesen Schub nach wie vor? Jein. Ich glaube, ich denke inzwischen ein bisschen zu wenig daran, aber ich bin halt wieder zurück im Alltag und muss fokussiert bleiben. Dennoch kommt es mir ab und zu in den Sinn… Ich habe im Vorfeld extrem auf den Titel gehofft. Auch, weil es in jener Phase war,in der es nicht rund lief und es die richtige Motivationsspritze gewesen wäre. Dann kam der Abend – und eine enorme Wertschätzung gegenüber meinen Erfolgen.

Nun stehen intensive Wochen bevor. Ab Freitag sind Sie für drei Rennen auf der Lenzerheide, wo Sie vor zwei Jahren in der Kombination gewonnen haben. Es sind Heimrennen kurz vor Olympia, bei denen Sie noch mehr im Fokus stehen – und der Druck enorm ist. Ich freue mich auf die Lenz, weil da nicht alle Jahre Rennen stattfinden. Es ist ein Hang, auf dem ich bisher gute Resultate zeigen konnte, und einer, der am Start sehr steil ist. Das gefällt mir. Daher ist auch meine Vorfreude grösser auf die Rennen, als die Angst vor der Belastung aufgrund des Rummels.

Kurz danach fahren Sie auch noch beim City-Event in Stockholm, den Sie vor zwei Jahren ebenfalls gewinnen konnten. Keine Angst, dass kurz vor Olympia der Saft in den Batterien ausgeht? Ich konnte die letzten zwei Wochen viel Energie tanken. Daher nein. Ich freue mich auf die Rennen, auf das Programm und auf einen kurzen Aufenthalt zu Hause, bevor wir nach Pyeongchang fliegen.

Im Oktober haben Sie gesagt, Olympia sei noch weit weg und dass Sie sich noch nicht damit beschäftigen. Und jetzt? Je länger, je mehr. Auch weil die Leute dich darauf ansprechen. Trotzdem steht noch einiges an, bis es wirklich losgeht. Der Fokus gilt nach wie vor dem Weltcup.

Die Speedfahrerinnen sind bereits auf der Olympia-Strecke gefahren, Sie nicht. Ist das ein Nachteil? Ich denke nicht. In den technischen Disziplinen spielt die Streckenkenntnis eine sekundäre Rolle – das Rennen beginnt bei null.

Ganz unbekannt ist Ihnen die Landschaft und Kultur aber dennoch nicht … Genau. Ich war in Südkorea auf Reisen mit meinem Bruder Kevin, als er dort ein Austauschsemester absolvierte. Es waren zwei extrem coole Wochen. Die Olympia-Strecken haben wir aber nicht besucht, das hab ich mir für die Spiele aufgespart. Ich wollte eigentlich letztes Jahr für die Rennen nach Südkorea, aber nach der WM war ich einfach ausgelaugt – es war der richtige Entscheid.

Fokus Olympia. Hat sich für Sie die Ausgangslage als Weltmeisterin in der Kombination und Silbermedaillengewinnerinverändert? Nein. Die Ausgangslage ist dieselbe. In der Kombination können 10 bis 15 Fahrerinnen in die Medaillenränge fahren, die Ausgangslage ist daher wie immer.

Sie sind die beste Schweizer Slalomfahrerin und inzwischen auch Riesenslalomfahrerin. An Olympia starten Sie zudem in der Kombination und beim neu geschaffenen Mixed Team Event. Was erwarten Sie von sich selbst? Das ich mein Bestes gebe und nach den Rennen mit mir zufrieden sein kann.

Und eine Medaille? Natürlich wäre es schön, mit einer Medaille nach Hause zu kommen. Aber das wollen viele und es gibt bekanntlich jeweils nur drei.

Und wie gelingt es Wendy Holdener, Mikaela Shiffrin vom Thron zu stossen? Wenn sie eine perfekte Fahrt hinlegt, wird das schwierig. Ich konzentriere mich jedoch auf mich, das ist das Einzige, was zählt.

An der WM in St. Moritz haben Sie sich während der Rennen nach Hause zurückgezogen. Das wird jetzt nicht mehr möglich sein. Gibt es Alternativen für eine Auszeit? Ich weiss nicht, wie es sein wird. Aber ich mache mir da keine Sorgen. Wenn ich Abstand brauche, wird das auch in Südkorea irgendwie funktionieren.

Bleibt bei Ihrem Pensum auch Zeit, die Spiele zu geniessen? Das wird schwierig. Ich weiss noch nicht,ob ich an der Eröffnungszeremonie dabei sein werde. Ich will keine Energie verschwenden, indem ich mir drei Stunden die Beine in den Bauch stehe. Die Schlussfeier mitzuerleben wäre schön. Ich hoffe, wir können bis zum Schluss bleiben, aber das wissen wir jetzt noch nicht.

Vor vier Jahren sind Sie in Sotschi im Slalom wie auch im «Riesen» ausgeschieden. Können Sie dennoch etwas Positives aus Russland nach Südkorea mitnehmen? Nein, an Sotschi habe ich keine positiven Erinnerungen. Das Olympia-Feeling habe ich dort nie richtig verspürt, das ist schade. Ich konnte das Skispringen live verfolgen, das war das einzige Highlight.

Nach Olympia ist die Saison noch nicht zu Ende. Aktuell sind Sie im Gesamtweltcup und in der Slalomwertung Vierte. Was ist da noch möglich? Nicht viel. Shiffrin wird der Gesamtsieg nicht mehr zu nehmen sein. Und ganz ehrlich: Der Gesamtweltcup bringt nicht viel, wenn man nicht gewinnt. Ich habe es selber vergeigt. Eine gute Klassierung ist zwar cool, aber ich schaue während der Saison nicht darauf. Im Slalom kann ich aber noch Ränge gutmachen, und in der Kombi fällt die Entscheidung erst noch.