Der Mozart der Schachs gibt weiter den Ton an

Am Schluss scheint in London im WM-Kampf um die Schachkrone alles ganz einfach zu sein. Das Wunderkind Magnus Carlsen lässt sein Genie aufblitzen.

Der Norweger fegte seinen Herausforderer Fabiano Caruana gleich mit 3:0 Siegen vom Schachbrett und sitzt weiterhin auf dem Thron.

Carlsen bleibt der beste Schachspieler der Welt, wie auch der Titel des vor zwei Jahren lancierten Dokumentarfilms «Magnus – Der Mozart des Schachs» verrät. Die Schachfamilie erfreute sich am Mittwochabend an der Genialität ihres Genies. Und in Norwegen, bevor Carlsen auftauchte auf der Landkarte des Schachs ein Niemandsland, brach die Euphorie wieder aus. Die Kunst auf den 64 Feldern wurde zur besten Sendezeit live gezeigt, kommentiert und analysiert. Und als der Sieg feststand, sendete Norwegens Ministerpräsidentin Erna Solberg ein Selfie mit ihrem politischen Gegner, dem sozialdemokratischen Parteichef Jonas Gahr Störe: «Lieber Magnus, in der Politik stehen wir alle zusammen, um dir zuzujubeln, unser aller Weltmeister.»

Das Tiebreak mit den Schnellschach-Partien war nötig geworden, nachdem sich die beiden Kontrahenten zuvor in ihrem zähen WM-Duell in London in zwölf Partien mit klassischer Bedenkzeit jeweils remis getrennt hatten. Mit Caruana bekam Carlsen den schwerstmöglichen Gegner vorgesetzt, darin waren sich alle einig. Und Caruana – er sass von 2005 bis 2015 für Italien am Brett, bevor er zum amerikanischen Verband wechselte – hätte durchaus das Potenzial zum ersten US-Weltmeister seit dem legendären Bobby Fischer 1972.

«Das Ergebnis zeigt, dass er der stärkste Spieler der Welt ist», sagte der unterlegene Herausforderer. «Ich habe gegen einen der talentiertesten Spieler in der Schach-Geschichte gespielt, und alles gegeben, das ich habe», twitterte der 26-jährige Verlierer später.

Seit Jahren dominant

Carlsen, der heute Freitag seinen 28. Geburtstag feiert, wurde im Alter von 19 Jahren die Nummer 1 der Weltrangliste und gab diese Position seit Juli 2011 nicht mehr ab. Mit 22 Lenzen kürte er sich im November 2013 zum Weltmeister (Sieg gegen Viswanathan Anand/IND), bevor er im Mai 2014 mit 2882 Elo-Punkten die höchste jemals gemessene Wertungszahl in der Geschichte des Denksports erreichte. 2014 war womöglich gar Carlsens Paradejahr. Er deklassierte Anand in der Revanche erneut und gewann auch die Weltmeistertitel im Schnell- und Blitzschach.

2016 knackte der Norweger in Sotschi auch den Verteidigungsspezialisten Sergej Karjakin aus Russland und am Mittwochabend musste sich nun auch Caruana dem Genie bei dessen viertem WM-Kampf mit klassischer Bedenkzeit beugen. Caruana und einige andere können genau so gut die Züge berechnen, kennen die Eröffnungstheorien womöglich sogar besser. Aber keiner kommt an die Intuition von Carlsen heran. Keiner spürt so ausgeprägt wie der Norweger, wo die Figuren hingehören, um auf Sieg zu stehen.

Trotzdem spannend

Die Weltmeisterschaft in London wurde wegen der Dutzend Remis von vielen zu unrecht als langweilig kritisiert. Wenn zwei Spieler auf extrem hohen Niveau ohne Fehler spielen, ist die Punkteteilung das logische Resultat. Beide Akteure gerieten in Partien, die gemäss Experten nicht auf ausgetrampelten Pfaden verliefen, sondern in Neuland führten, unter Druck. Aber beide Spieler verteidigten äusserst stark und fanden mit dem Rücken zur Wand einen Weg, um ins Remis zu fliehen.

Der Titelkampf hätte eine ganz andere Dynamik erhalten, wäre Carlsen gleich in der 1. Partie mit Schwarz der Sieg geglückt. Er stand mehrmals auf Gewinn, fand den Todesstoss aber nicht. Insgesamt war Carlsen in den zwölf Partien etwas näher am Sieg dran. So geht es auch in Ordnung, dass er nun als Meister des Schnelldenkens mit einer anderen Disziplin die prestigeträchtigste Krone im Schach, jene mit klassischer Bedenkzeit und Partien mit bis zu sieben Stunden, erfolgreich verteidigte.