Struktur von Notre-Dame vor vollkommener Zerstörung bewahrt

Die französischen Behörden gehen davon aus, dass sie die in Flammen stehende Kathedrale Notre-Dame vor der vollständigen Zerstörung bewahren können. Ein Vertreter der Feuerwehr sagte am Montag, die Gebäudestruktur sei «vor der vollkommenen Zerstörung gerettet worden».

Das gelte auch für die beiden Haupttürme. Die gotische Kirche könne «in ihrer Gesamtheit erhalten» werden, sagte der Leiter der rund 400 Einsatzkräfte, Jean-Claude Gallet, in der französischen Hauptstadt.

«Die Intensität des Feuers hat nachgelassen», sagte der französische Innenstaatsekretär Laurent Nuñez. Die Gefahr eines Einsturzes des nördlichen Glockenturms ist nach seinen Angaben vorerst gebannt. Angesichts des Ausmasses der Flammen rief er aber dazu auf, «extrem vorsichtig» zu bleiben. Es werde noch drei bis vier Stunden dauern, bis der Brand eingedämmt sei.

Der Brand war am frühen Abend ausgebrochen. Das Dach und ein Spitzturm stürzten ein. Ein Feuerwehrmann sei ernsthaft verletzt worden, teilte ein Feuerwehr-Vertreter mit.

Über Stunden schlugen am Abend Flammen lichterloh aus dem Dachstuhl des Wahrzeichens der französischen Hauptstadt, über dem monumentalen Sakralbau war eine riesige Rauchsäule zu sehen. Der gesamte Dachstuhl stehe in Flammen, hatte zuvor der Sprecher der Kathedrale, André Finot, der französischen Nachrichtenagentur AFP gesagt.

400 Feuerwehrleute im Einsatz

Nach Angaben des Innenministeriums war die Feuerwehr mit einem Grossaufgebot vor Ort. Rund 400 Feuerwehrleute versuchten, den Brand einzudämmen.

Der Brand löste auch ausserhalb Frankreichs tiefe Bestürzung und heftige Emotionen aus. Notre-Dame ist eine wichtigsten Pariser Touristenattraktionen und wird jährlich von Millionen Menschen besucht.

Das Feuer kurz vor Ostern könne mit Renovierungsarbeiten zusammenhängen, berichtete AFP unter Berufung auf die Feuerwehr weiter. Es sei auf dem Dachboden ausgebrochen und gegen 18.50 Uhr entdeckt worden. Auf dem Dach der Kathedrale war ein Baugerüst angebracht. Die Polizei gehe nicht von einem terroristischen Hintergrund aus, erklärte ein Sprecher am Abend.

Macron sagte Ansprache ab

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zeigte sich betroffen und sagte eine für den Abend geplante wichtige Fernsehansprache ab. «Notre-Dame von Paris den Flammen ausgeliefert. Emotion einer ganzen Nation», teilte der Präsident auf Twitter mit. Wie alle Franzosen sei er an diesem Abend traurig, «diesen Teil von uns brennen zu sehen». Nach Medienberichten traf der Präsident am Abend an der Kathedrale ein.

Der französische Premierminister Édouard Philippe schrieb auf Twitter: «Unsere Traurigkeit ist unbeschreiblich, aber wir kämpfen immer noch. An diesem Abend kämpfen die Feuerwehrleute heldenhaft gegen das Feuer.» Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo sprach von einem «fürchterlichen Brand».

Die Kathedrale steht mitten in der Stadt auf der Seine-Insel Île de la Cité, die wegen des Brandes von den Sicherheitskräften abgeriegelt wurde, wie die Stadt Paris auf Twitter mitteilte. Es wurde eine Veranstaltungshalle geöffnet, um Anwohner aufzunehmen. Touristen machten auf den Brücken über den Fluss Seine Fotos von dem Feuer.

Macron wollte am Abend eigentlich eine TV-Ansprache abhalten, in der er über die Ergebnisse einer monatelangen Bürgerdebatte sprechen wollte. Einen neuen Termin dafür teilte der Élyséepalast zunächst nicht mit. Der Präsident hatte die «Nationale Debatte» im Januar als Reaktion auf die Proteste der «Gelbwesten» gestartet – nun wollte er Zugeständnisse präsentieren.

Ueli Maurer drückt Mitgefühl aus

Weltweit sorgte der Brand für Entsetzen. Der Vatikan reagierte bestürzt. «Der Heilige Stuhl hat die Nachricht des entsetzlichen Brandes, der die Kathedrale von Notre-Dame, Symbol der Christenheit in Frankreich und der Welt, verwüstet hat, mit Schock und Trauer aufgenommen», erklärte Papst-Sprecher Alessandro Gisotti.

«Notre-Dame von Paris ist Notre-Dame von ganz Europa», schrieb EU-Ratspräsident Donald Tusk auf Twitter. «Wir stehen heute alle an der Seite von Paris.» EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker schrieb: «Notre-Dame gehört der ganzen Menschheit. Welch trauriger Anblick.»

Der Schweizer Bundespräsident Ueli Maurer drückte im Namen des Gesamtbundesrats sein Mitgefühl aus. «Ich möchte unsere tiefste Trauer darüber ausdrücken, dass wir ein so geliebtes Denkmal im Herzen von Paris sehen, dass allen so lieb ist und von den Flammen zerstört wurde», hiess es in einer Stellungnahme vom Montagabend im Kurznachrichtendienst Twitter.

Kritik an Ratschlag von Donald Trump

Die Chefin der Uno-Kulturorganisation Unesco, Audrey Azoulay, sagte zu Reportern: «Notre-Dame ist ein Symbol für die ganze Welt.» Die Unesco sei schon mit dem Kulturministerium und der Kirche in Kontakt. «Wir brauchen eine sehr schnelle Beurteilung der Schäden.» Es müssten rasch «strategisch wichtige Entscheidungen getroffen werden».

US-Präsident Donald Trump zeigte sich bestürzt. Die Kathedrale sei einer der grössten Schätze auf der Welt, grossartiger als fast jedes Museum auf der Welt. «So schrecklich, das verheerende Feuer an der Notre-Dame-Kathedrale in Paris zu sehen. Vielleicht könnten fliegende Wassertanks eingesetzt werden, um es zu löschen. Es muss schnell gehandelt werden!» Die Reaktion der französischen Fachleute liess nicht lange auf sich warten: Von einem Flugzeug Wasser auf ein solches Gebäude abzuwerfen, könne zum Einsturz des gesamten Gebäudes führen, schrieb der französische Zivilschutz auf Twitter.

Die Geschichte der Kathedrale reicht bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts zurück. Die Dimensionen der im gotischen Stil konstruierten und der Jungfrau Maria geweihten Kirche mit ihren beiden majestätischen Türmen sind gewaltig: Die Kathedrale ist 127 Meter lang, 40 Meter breit und bis zu 33 Meter hoch. Mit seinem 1831 erschienenen Roman «Der Glöckner von Notre-Dame» verewigte Victor Hugo die Kathedrale in der Literatur.

Witterung und Luftverschmutzung haben dem Baudenkmal über die Jahre schwer zugesetzt. An vielen Stellen bröckelte zuletzt die Bausubstanz – um Geld für die Sanierung aufzutreiben, war vor einiger Zeit eine Spendenaktion auf den Weg gebracht worden.