Lustenberger längst schon in Bern angekommen

Fabian Lustenberger (31) hat bei Meister YB die nicht einfache Aufgabe, Steve von Bergen zu ersetzen – als Abwehrchef und als Captain. Der Luzerner spürt einen Druck, den er jedoch schon kennt.

Fabian Lustenberger, Sie kommen nach zwölf Jahren von der Bundesliga, von Hertha Berlin, in die Schweiz zurück. Ist dies für Sie ein fussballerischer Kulturschock, oder haben Sie schon feststellen können, dass hier auch Fussball gespielt wird?

«Schlussendlich wird überall Fussball gespielt, auf sehr ähnliche Weise. Natürlich ist die Bundesliga vom Niveau her ein bisschen höher anzusiedeln als die Super League. Aber ich werde für mich zwischen der Ligen keine Vergleiche und keine Parallelen ziehen. Die Unterschiede waren nicht der springende Punkt für den Wechsel. Ich hatte zwölf Jahre lang eine tolle Zeit in Berlin. Jetzt war es Zeit für einen Tapetenwechsel. Für mich persönlich, aber auch mit meiner familiären Situation. In den ersten vier Woche ist dieser Übergang ganz gut gelungen.»

Wieso sind Sie zu YB gegangen und nicht zu Basel oder zu Ihrem Stammklub Luzern?

«YB hat sich von Anfang an seriös und am meisten um mich bemüht. Es waren sehr gute Gespräche. Christoph Spycher kam auch zu mir nach Berlin.»

Welches sind Ihre ersten Eindrücke in Bern? Vom Klub, von der Mannschaft, von Trainer Seoane und Sportchef Spycher?

«Ich wurde sehr gut aufgenommen in der Mannschaft, das ist das Entscheidende. Ich sehe auch, dass hier in den letzten Jahren sehr gut gearbeitet wurde. Alle ziehen am gleich Strang. Alle haben die gleichen Ziele und die gleichen Ambitionen. Das merkte ich vom ersten Tag an. Es gibt mir ein gutes Gefühl und zeigt mir, dass ich den richtigen Schritt gemacht habe.»

Haben Sie in ihrer langen Zeit in Berlin viel von der Schweizer Meisterschaft mitbekommen, zum Beispiel von der Titelserie des FC Basel oder von der Jubelnacht der Young Boys am 28. April 2018?

«Ich habe es immer, so gut es ging, über das Internet verfolgt. Und ich war ja auch regelmässig in der Schweiz. Meine Familie lebt schon seit zwei Jahren hier, und ich war öfter auch bei meinen Eltern. Ich hatte auch sehr viel Kontakt mit Steve von Bergen (Lustenbergers früherer Teamkollege bei Hertha). Ich bin sicher kein Experte im Schweizer Fussball, aber ich habe mich immer auf dem Laufenden gehalten.»

Sie waren in Berlin lange Zeit Captain, Sie werden auch bei YB Captain sein. Was macht einen guten Captain aus?

«Ich glaube, dass es für die Öffentlichkeit fast wichtiger und interessanter ist, wer Captain wird, als in der Mannschaft selber. In der Mannschaft ist es nicht nur der Captain, der Verantwortung übernimmt. Es gibt immer ein Gremium, eine gewisse Anzahl Spieler, die sich hinstellen und vorangehen. Und zum Beispiel den Jungen den Weg weisen und sie in die richtigen Bahnen lenken. Bei YB gibt es verschiedene Spieler, die solche Aufgaben übernehmen können.»

Sie hatten in Berlin die verschiedensten Trainer. Zuerst Lucien Favre, dann beispielsweise Michael Skibbe, Markus Babbel, Otto Rehhagel, zuletzt Jos Luhukay und Pal Dardai. Von wem konnten Sie für sich persönlich am meisten profitieren?

«Am meisten konnte ich von Lucien Favre übernehmen. Er hat auch später gezeigt, dass er jede Mannschaft besser machen kann. Daneben konnte ich von jedem Trainer etwas mitnehmen. Auch in den besseren und den schlechteren Zeiten unter den verschiedenen Trainer konnte ich etwas lernen oder meine Lehren ziehen.»

Sie sind zusammen mit Pirmin Schwegler der Schweizer Spieler, der trotz anhaltend guter Leistungen in der Bundesliga nur selten in der Nationalmannschaft zum Zug gekommen ist. Derzeit ist die Innenverteidigung in der Nati mit Schär, Akanji und Elvedi sehr gut besetzt. Können Sie sich trotzdem vorstellen, dass Vladimir Petkovic Sie noch einmal brauchen wird? Sie sind ein älterer, aber kein alter Spieler.

«Theoretisch ist vieles möglich. Aber ich rechne nicht mehr damit. Für mich ist es in Ordnung so, ich bin in dieser Beziehung mit mir im Reinen. Ich habe keinen Groll und bin nicht enttäuscht. Und ich bin immer noch ein Fan der Nati.»

Glauben Sie, dass YB zum dritten Mal Meister werden wird?

«Es ist im Fussball schwierig, Prognosen zu stellen. Sicher sind wir ambitioniert und motiviert, den Titel zu verteidigen, im Wissen, dass es ein schwieriges Jahr werden kann. Die letzten zwei Jahre hat YB extrem gut performt und extrem gut gespielt. Jetzt gibt es einen Umbruch. Der kann einige Zeit in Anspruch nehmen.»

Wie schätzen Sie die Gegner in der Meisterschaft ein?

«Wir müssen nicht darüber diskutieren, dass Basel über Jahre die Nummer eins war und jetzt wieder zu den Favoriten gehören wird. Aber wir tun sicher gut daran, auf uns zu schauen. Wir hatten eine sehr gute Vorbereitung, und wir sind auf jeden Fall fit für den Sonntag.»

YB hatte ein paar gewichtige Abgänge. Sie sind der prominenteste Neuzugang. Man erwartet etwas von Ihnen. Wie gehen Sie mit dem Druck um?

«Ich spüre diesen Druck natürlich. Aber einen solchen Druck hatte ich in den letzten Jahren in Berlin ebenfalls. Als ich den Schritt nach Bern machte, wusste ich, dass es Erwartungen geben würde. Ich glaube, dass ich gut damit umgehen kann. Ich habe meinen Verantwortlichen immer gesagt, dass ich auf dem Platz das Beste gebe für mich und für die Mannschaft. Das ist das Einzige, was ich beeinflussen kann. Und es ist für mich das Entscheidende.»