Hohe Rückfallgefahr beim Schaffhauser Kettensägen-Angreifer

Der 53-jährige Mann, der im Juli 2017 mit einer Kettensäge bewaffnet die Mitarbeiter der CSS-Versicherung in Schaffhausen angriff, leidet unter einer besonders schweren Form der Schizophrenie. Gemäss Gutachten besteht eine grosse Rückfallgefahr für Gewaltdelikte.

Seine paranoid-halluzinatorische Schizophrenie ist so schwer, dass er sogar innerhalb einer Gruppe von Schizophreniekranken einen aussergewöhnlichen Fall darstellt, wie der Staatsanwalt am Mittwoch vor Gericht ausführte. «Er ist vollständig in seiner Perspektive gefangen.» Seit Jahren lebt der Angreifer deshalb von einer IV-Rente.

Erste Zeichen für die Erkrankung gab es nach einem Vespa-Unfall im Jahr 1999. Er wurde dabei zwar nicht schwer verletzt, ist seither aber der festen Überzeugung, dass er ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten habe. Seit diesem Unfall spürte der ehemalige Dachdecker auch die «negativen Kräfte», die ihn angreifen würden.

Mit dieser Einschätzung ist der Beschuldigte selber jedoch nicht einverstanden. «Der Staatsanwalt verunglimpft meine Person. Ich bin hirnverletzt.» In einem vorgeschriebenen Schlusswort entschuldigte er sich bei den angegriffenen CSS-Mitarbeitern. Danach kritisierte er in trotzigem Ton Justiz und Psychiatrie, die ihn zwingen würden, Psychopharmaka zu schlucken. «Das ist Folter.»

Anwalt fordert «umgehende Entlassung»

Sein Anwalt ist zumindest in einem Punkt mit dem Staatsanwalt einig: Der 53-jährige Schweizer ist schuldunfähig. Während der Staatsanwalt aber eine stationäre Massnahme nach Artikel 59 fordert, will ihn der Anwalt nicht mit einer Massnahme bestraft sehen, weil er sich nicht der mehrfachen versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig gemacht habe.

Der Anwalt argumentiert, dass der Angriff eine so genannte Putativnotwehr darstellt. Dabei handelt es sich um eine Notwehr, bei der eine Person irrtümlicherweise meint, sie werde angegriffen. Im vorliegenden Fall habe der Mann wirklich geglaubt, die Angestellten würden ihn mit ihren bösen Energien umbringen.

«Die Sache ist Notwehr, keine versuchte vorsätzliche Tötung.» Deshalb könne sein Mandant auch nicht mit einer Massnahme belegt werden. Der Anwalt fordert, den Beschuldigten «umgehend zu entlassen» und ihm 160’000 Franken Genugtuung zuzusprechen.

«Entlassung» muss in diesem Fall aber nicht zwingend «Freiheit» bedeuten. Es wäre möglich, dass das Gericht Sicherheitshaft verhängt und die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) danach eine Fürsorgerische Unterbringung (FU) in einer Psychiatrie verfügt. Das Gericht wird das Urteil um 16:30 Uhr eröffnen.

Der ehemalige Dachdecker hatte am 24. Juli 2017 die Schaffhauser Büros der CSS-Versicherung mit einer Kettensäge gestürmt und gezielt Mitarbeiter angegriffen. Zwei Mitarbeiter wurden verletzt, zwei zufällig anwesende Kunden erlitten einen Schock.

Als die Polizei beim Tatort eintraf, hatte der Angreifer bereits das Weite gesucht und war zum Bahnhof geflüchtet. Er schaffte es, unerkannt bis nach Thalwil am Zürichsee zu fahren, wo er einen Tag später festgenommen wurde.

Bei seiner Verhaftung trug er in einer Einkaufstasche zwei Pistolen-Armbrüste mit sich, die mit 16 Zentimeter langen Pfeilen geladen waren – dies, weil er sich vor der Verschleppung durch Menschenhändler fürchtete.