Absage des St. Galler Kinderfests 2021 erhitzt die Gemüter

Die Stadt St. Gallen verzichtet 2021 auf das traditionelle, alle drei Jahre stattfindende Kinderfest. Der Entscheid des Stadtrats – aus Spargründen und wegen der Coronakrise – stösst in der Bevölkerung auf Unverständnis und Kritik.

Die Finanzen der achtgrössten Schweizer Stadt sind in Schieflage. Mitte Juni schlug die Stadtregierung unter Stadtpräsident Thomas Scheitlin (FDP) Alarm: Zu einem strukturellen Defizit von 30 Millionen Franken kämen jetzt noch Steuerausfälle von geschätzten 20 Millionen wegen der Coronakrise hinzu.

Harter Sparkurs

Der Stadtrat kündigte unter dem Titel «Fokus25» eine Aufgaben- und Leistungsüberprüfung an. Zusätzlich wird in allen Bereichen gespart, Reserven werden aufgelöst und Bauprojekte – etwa die Erneuerung des Kunstmuseums – verschoben.

Am meisten zu reden gibt der vergleichsweise kleine Budgetposten von 1,4 Millionen Franken, den die Stadt mit der Absage des Kinderfests im kommenden Jahr spart. Kritik folgte postwendend: Die SVP schrieb von einem «falschen Zeichen». Bei den Kindern dürfe erst zuallerletzt gespart werden.

Das Kinderfest sei ein «Leuchtturm» der Stadt und bringe Wertschöpfung für das lokale Gewerbe, bedauerte die Partei. Rasch wurde eine Petition lanciert: 1355 Personen fordern die Durchführung des Kinderfests 2021. Andere schlugen vor, nicht erst 2024 wieder ein Kinderfest durchzuführen, sondern bereits 2022.

«Mutlose Haltung»

«Was für eine mutlose Haltung einer Stadtregierung», kritisierte der Kommentator des «St. Galler Tagblatts». Die Absage des Traditionsanlasses, der seit 1824 fix zum städtischen Kalender gehöre, sei eine «Bankrotterklärung». Auch in den Leserbriefspalten kam Unverständnis und Entrüstung zum Ausdruck.

Schuldirektor Markus Buschor beeilte sich zu erklären, dass der Verzicht nicht nur eine Sparmassnahme sei. Ausschlaggebend seien auch die Unsicherheiten wegen des Coronavirus. Niemand wisse, wie sich die Pandemie bis 2021 entwickle. Zudem stünden die Schulen wegen der Coronakrise ohnehin stark unter Druck.

Man wolle ihnen jetzt nicht auch noch die Zusatzbelastung durch das Fest aufbürden. Die Schulen beginnen jeweils schon im Herbst mit der kreativen Vorbereitung ihrer Musik- und Tanzdarbietungen. Diese bilden neben dem farbenfrohen Umzug durch die Innenstadt und der extragrossen Kinderfest-Bratwurst einen wichtigen Teil des Fests.

Stickerei-Tradition

Als Grund für die Absage nannte Buschor auch die angespannte Situation der Textilindustrie wegen der Coronakrise. Emanuel Forster, CEO des Stickereiherstellers Forster Rohner, reagierte irritiert. Seine Firma lieferte 2015 und 2018 jeweils zusammen mit anderen Stickereiherstellern exklusive Stoffe für die Schulen und hätte dies auch 2021 gerne wieder getan.

Die Beteiligung der lokalen Textilindustrie am Fest hatte zuletzt ein Revival erlebt. Schülerinnen vieler Klassen zeigten sich jeweils am Umzug in weissen Kleidern oder mit Sonnenschirmen aus traditionellen «St. Galler Spitzen».

Die Fest-Absage kam Ende Juni auch im Stadtparlament zur Sprache. Trotz Kritik blieb der Stadtrat hart: 2021 gebe es kein Kinderfest. Ein SP-Sprecher sprach von einem Manöver, mit dem der Stadtrat vom «überstürzt zusammengeschusterten» Sparpaket ablenken wolle. Man müsse diese Sparpolitik insgesamt hinterfragen.