Die Schweizer Spieler üben sich in Geduld

Vom 0:3 gegen Italien zum 3:1 gegen die Türkei: Eine Aussprache am Samstagabend hat die Schweizer Mannschaft verwandelt. Jetzt fühlt sie sich bereit für einen EM-Achtelfinal gegen einen Grossen.

Später geht die Legende vielleicht so: Am Abend vor dem entscheidenden EM-Gruppenspiel gegen die Türkei sassen die Führungsspieler zusammen und schworen sich ein auf die Partie. Sie erinnerten sich daran, dass sie nur Erfolg haben können, wenn sie als Einheit auftreten. Der «Geist von Baku» war entstanden. Und dann schlugen die Schweizer mit einem leidenschaftlichen Auftritt die Türkei, kamen in die Achtelfinals, gewannen dort gegen… und so weiter.

Gemach, gemach! Noch hat die Schweiz nur die Türkei besiegt. Aber irgendetwas ist tatsächlich geschehen mit dieser Mannschaft in den Stunden vor dem Spiel vom Sonntagabend. Was genau besprochen wurde, drang nicht nach aussen. Es ist nicht klar, wo der «Geist von Baku» beschworen wurde. Im Besprechungsraum? Im Speisesaal? Am Pool oder am Strand? Es ist nicht einmal offiziell bekannt, wer den sogenannten Mannschaftsrat bildet. Die Zusammensetzung ändert immer wieder.

Und doch lassen sich gewisse Rückschlüsse ziehen. Denn manchmal verrät sich diese Mannschaft auch. Wenn Granit Xhaka unmittelbar nach der Partie etwa sagt: «Es gibt Leute, die meinen sie müssten alles kommentieren, bitte schön! Aber wir sind mental stark. Dieses Team lässt sich nicht kaputt machen.» Es sind dann Hinweise darauf, welche emotionale Taktik die Führungsriege um Captain Xhaka, die Stürmer Haris Seferovic und Xherdan Shaqiri sowie Abwehrchef Manuel Akanji und Torhüter Yann Sommer gewählt haben könnte. Es geht um ein Gefühl «Wir gegen die anderen».

Als die Last abfiel

Es ist Montagmittag in Baku. Die Mannschaft hat einen freien Tag. Sie wartet auf den Rückflug nach Rom am späten Nachmittag. Haris Seferovic redet in einer Videokonferenz mit den Medien. Er spricht von einer «guten Stimmung» im Team. «Eine Last ist von uns abgefallen.» Wie sehr, das sah man etwa in der 6. Minute nach dem Führungstor von ihm, bei seinem Lauf zur TV-Kamera und dem Gefühlsausbruch. «Ich kann mich nicht mehr erinnern, dass ich geschrien haben. Es war emotional, weil es um so viel ging.»

Am Tag nach dem Spiel redet Seferovic so, wie er vor dem gegnerischen Tor an guten Tagen agiert. Kurz und bündig. Das erste Tor an einer Endrunde seit sieben Jahren und zwölf Spielen? Nicht so wichtig. «Ein Tor ist ein Tor. Egal, ob an einer EM, WM oder in der Qualifikation.»

Nun blicken er und seine Kollegen mit grosser Hoffnung den Achtelfinals entgegen. Es wird dannzumal ein härterer Brocken auf die Schweiz warten, als es die Türkei war. Belgien zum Beispiel, Frankreich oder Deutschland sind möglich, vielleicht auch Spanien. Das wird die Flughöhe sein, auf der sich die Schweizer werden bewegen müssen. Trotz der Niederlage gegen Italien in der Vorrunde ist Seferovic überzeugt, dass die Schweiz in einem solchen Duell gut aussehen kann. «Wir haben gegen die Grossen immer unseren Job getan. Gegen die Favoriten sind wir immer als Team aufgetreten.»

Seferovic hofft auf Belgien

Er selbst würde am liebsten gegen Belgien antreten, weil da sein Benfica-Teamkollege Jan Vertonghen spielt. Und weil er an Belgien «sehr gute Erinnerungen» hat. Klar, keiner hat den 18. November 2018 vergessen, als eine entfesselte Schweizer Mannschaft den WM-Halbfinalisten Belgien in der Nations League 5:2 deklassierte. Seferovic schoss drei Tore, es war sein bestes Länderspiel.

Damals hatten sich die Schweizer aus der Tiefe in die Höhe gespielt. Vier Tage vor dem Sieg gegen Belgien hatten sie sich in einem Test gegen Katar blamiert. Testspiel und Nations League sind zwar keine EM-Endrunde. Aber wer will, kann ein Muster erkennen. Diese Schweizer Mannschaft spielt dann gross auf, wenn man es ihr nicht mehr zutraut. Diese mentale Stärke ist keine Fantasie aus dem innersten Zirkel der Auswahl. Sie wurde schon oft bewiesen, sie ist real. Ein letztes Mal war sie es am Sonntag in Baku. Auch wenn da vielleicht ein Geist auch noch eine Rolle gespielt hat. Der «Geist von Baku».