Ein schlummerndes Potential für Mitmach-Forschung

Immer mehr Forschungsprojekte binden Laien ein – sie vergraben Unterhosen, zählen Ameisen, und klassifizieren Galaxien. Aber nur wenige Menschen sind mit sogenannter Citizen Science und partizipativer Forschung vertraut, interessiert mitzumachen wären aber viele.

Das ergab eine repräsentative Umfrage unter fast 1400 Personen aus allen Landesteilen der Schweiz. Demnach kennen nur acht Prozent der Befragten den Begriff «Citizen Science», 15 Prozent ist «Partizipative Forschung» geläufig. Erst jeder zwanzigste nahm bereits an einem solchen Mitmach-Projekt teil.

Doch es gibt schlummerndes Potential: 48 Prozent der Befragten könnten sich vorstellen, mitten drin zu sein, wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler versuchen, die Welt besser zu verstehen. Dies gilt nicht nur für Naturwissenschaften und Umweltthemen, sondern auch für gesellschaftliche, soziale und medizinische Themen.

Nicht nur Datenlieferanten

«Diese Chance müssen wir als Forschende unbedingt packen», sagte der Sozialwissenschaftler und Studienleiter Alexander Seifert von der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Zwar ist das Vertrauen in die Wissenschaft nach wie vor hoch, wie aus dem Wissenschaftsbarometer Schweiz hervor ging.

Doch die Corona-Pandemie habe die Skepsis gegenüber der Wissenschaft genährt, so Seifert. Partizipative Forschung könne hier ansetzen und den Menschen aufzeigen, dass es «in der Wissenschaft nicht um Meinungsbildung, sondern Faktensammlung geht».

Die Hälfte der Befragten möchte am liebsten «nur» Daten sammeln oder klassifizieren. Aber bis zu ein Drittel wünscht sich, bedeutend tiefer in die Welt der Forschung einzutauchen – helfen, die Forschungsfrage zu formulieren, den Vorgang des Projekts zu bestimmen und Ergebnisse zu interpretieren.

Insbesondere darin sieht Seifert denn auch den Schlüssel, um die Welt der Wissenschaft greifbarer zu machen. Gerade klassische Citizen Science Projekte sehen sich mit dem Vorwurf konfrontiert, Freiwillige als Datenlieferanten zu instrumentalisieren.

Rollenteilung erhalten

Seifert betont aber, dass partizipative Forschung die Wissenschaftlerinnen nicht ersetzen könne und solle – die Rollenteilung zwischen Experten und Laien bleibe natürlicherweise erhalten. «Die Wahl der wissenschaftlichen und statistischen Methoden lastet auf den Forschenden, die dazu die akademische Fertigkeit besitzen.»

Aber die Fachwelt täte seiner Ansicht nach gut darin, manchmal den Puls ausserhalb ihres Elfenbeinturms zu spüren. «Jeder Mensch bringt Erfahrungswissen aus seinem Alltagsleben mit, das wertvoll sein kann, um den Horizont zu erweitern und neue Forschungsfragen aufzudecken», so der Sozialwissenschaftler.

Gemeinsam die Welt entschlüsseln

In der Umfrage zeigte sich, dass der Anteil an Interessierten bei Jüngeren und Menschen mit einer höheren Bildung grösser ist. Die Nicht-Interessierten gaben an, keine Freizeit in Forschung investieren zu wollen oder dass sie dazu zu wenig Wissen besässen.

Gerade bei letzterem sei es wichtig, die Menschen aufzuklären: «Niemand soll zum Forscher werden», sagte Seifert. Wichtig sei, die Stellschrauben aufzuzeigen, an der jede und jeder mitdrehen könne, um gemeinsam die Welt etwas besser zu verstehen.

An der Studie waren neben der FHNW Forschende der Partizipativen Wissenschaftsakademie der Universität und ETH Zürich und dem Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Uni Zürich beteiligt.