Sport und Politik – eine problematische Beziehung

Der Sport soll unpolitisch sein. Dies fordern, so denken oder das wünschen sich viele. Gleichzeitig wissen alle: Sport und Politik lassen sich nicht trennen.

Dem Titel «Sport und Politik – eine problematische Beziehung» widmete sportpress.ch, die Vereinigung der Medienschaffenden im Sportjournalismus, den Schwerpunkt der alljährlichen Tagung. Der Anlass war coronabedingt verschoben worden und wurde wegen des Angriffskriegs von Russland in der Ukraine aktueller denn je. Die Diskussionen nach dem Hauptevent hielten fast so lange an wie der zweistündige Block mit Referat, Podiumsgespräch und Fragerunde.

Stecken die grossen Verbände in der Glaubwürdigkeitsfalle mit der Vergabe von Titelkämpfen nach Katar, Russland oder China? Zerstören so die FIFA, der Weltverband im Eishockey oder das IOC die Magie des Sports? Sollen sich die Sportlerinnen und Sportler oder nationalen Verbände zu Missständen äussern oder sich darauf konzentrieren, ihren Job richtig zu machen? Sind die Ausschlüsse von Russland der richtige Weg, wenn doch der Sport verbinden kann? Darf der Klub den Aktiven einen Maulkorb verpassen? Sollte es nicht heissen: «Sport und Geld – eine problematische Beziehung»? Was ist ein Titel wert, wenn die Besten ausgeschlossen sind?

Fragen über Fragen, die in der Regel ein Wirrwarr von Antworten, Ratlosigkeit und Forderungen hervorrufen. Das war auch bei sportpress.ch nicht anders. Einer stach allerdings an diesem Nachmittag mit Fachwissen, nachvollziehbaren Forderungen und sinnvollen Antworten heraus. Der Deutsche Gunter Gebauer, 78-jährig, Sportliebhaber, Philosoph, emeritierter Professor und Publizist, gab in seinem Referat Ideen mit, wie man die Gedanken in diesem Knäuel ordnen kann, welchen Leitplanken sich folgen lässt.

Zwei Thesen

Zunächst stellte Gebauer zwei Thesen auf, die sich eigentlich widersprechen, aber eben doch Sinn machen. Erstens: «Der Sport ist politisch». Vom Mythos des unpolitischen Sports hält er gar nichts. «Es gibt einfach zu viele Probleme, die sich nicht mehr unter den Deckel kriegen lassen (Vergabe von Grossanlässen, Korruption, vom Staat koordiniertes Doping, Aufbegehren von Aktiven gegen Rassismus etc.)»

Zweitens: «Es ist vernünftig, das Politische soweit wie möglich aus dem Sport herauszunehmen». Ein ständiges Demonstrieren würde den Sport überfordern, der Sport sei ähnlich wie die Kunst einer der wenigen Bereiche, in dem eigene Regeln und Gesetze gelten. Der Sport sei ein autonomes Feld. Und dieses Feld müsse man wahren. Will heissen: Die Anerkennung der durch den Sport aufgestellten Regeln einhalten, die korrekte Anwendung durch den Schiedsrichter akzeptieren, der Zweckfreiheit («Es geht nur ums Gewinnen») dienen oder die sportethischen Werte wie die Anerkennung des Gegners oder das Fairplay achten.

Der Protest, Meinungsäusserungen oder gar Ausschlüsse sind dort angebracht – und das kann allen als Leitlinie dienen – , wo eben dieser Rahmen des Sports verletzt wird: Wenn an der Chancengleichheit geritzt wird, eine(r) nicht mit eigenen Kräften, sondern durch Doping oder unerlaubtem Material den Sieg anstrebt, eine(r) unter Zwang den Sport ausüben muss, Anlässe, Mannschaften oder womöglich gar Einzelsportler(innen) für die Repräsentation eines Landes benutzt werden, das einen Angriffskrieg führt, eine Nation den Zuschlag für einen Grossanlass erhält, welche die Menschenrechte nicht anerkennt. Dann muss nach Ansicht Gebauers dagegen protestiert werden.

Ein paar Beispiele

Wer sich an diesen Stichworten orientiert, findet für viele Fragen eine klare Antwort. Ein paar Beispiele, deren Antworten nicht von Gebauer stammen, sich aber wohl mit seiner Meinung decken würden:

– Niederknien während der Nationalhymne, um mit der «Black-Lives-Matter»-Bewegung gegen Rassismus in den USA zu protestieren? Ja. Für grundlegende Menschenrechte einzustehen ist eigentlich die Aufgabe eines jeden Bürgers.

– Darf der Klub den Sportlerinnen und Sportlern einen Maulkorb versetzen im Sinne von: «Ihr seid dazu da, Sport zu machen?» Nein. Weil ein Verbot, sich politisch zu äussern, ebenfalls eine politische Handlung ist. Zudem hat die Beschränkung der Meinungsäusserung etwas Rassistisches an sich. Frei nach dem Motto: «Du bist für die Unterhaltung da und sonst für nichts.»

– Ist die Vergabe der Fussball-WM nach Russland oder Katar, von Olympischen Spielen nach Peking usw. richtig? Da ist bei der Vergabe einiges schief gelaufen. Generell gilt: Die Verbände setzen ihre eigenen Regeln nicht genügend durch. Sie machen mit und schauen weg, damit die Kassen klingeln.

– War es korrekt, Russland die Organisation der Eishockey-WM 2023 zu entziehen? Ja, ein richtiger Entscheid. Gegenwärtig wäre Russlands Teilnahme an einem friedlichen Turnier eine Zumutung.

– Gehört eine 14-jährige russische Kunstturnerin ausgeschlossen? Ja, sie turnt noch nicht selbstbestimmt. Und ihr Sieg wird in ihrer Heimat allenfalls noch politisch missbraucht.

– Soll ein russischer Tennisspieler von Wimbledon ausgeschlossen werden? Nein, er repräsentiert nicht das Russland von Putin.

– War der teilweise Ausschluss von Russland nach dem Dopingbetrug an den Spielen 2014 in Sotschi richtig? Unbedingt. Ein Land, das seine Gäste mit der Hilfe von Staatsfunktionären systematisch betrügt, um die Medaillenbilanz aufzubessern, das ist unterste Schublade.

– Verliert der Sport nicht an Wert, wenn die Besten fehlen (Hockey-WM ohne Russland)? Ja, aber das ist klar das kleinere Übel, als einer russischen Mannschaft die Gelegenheit zu bieten, Weltmeister zu werden und Putin diesen Titel zelebrieren zu lassen.

– Sind Sport, Politik, Geld und Macht inzwischen nicht so eng verbunden, dass sie sich kaum mehr entwirren lassen? Das stimmt.

Auf die letzte Frage antwortet Gebauer mit einer dritten These: «Der Sport hat in seinem Feld die Orte noch nicht bestimmt, wo die Politik rein soll und wo sie raus muss.» Diese Arbeit habe auch das IOC als Dachorganisation des Spitzensports noch nicht geleistet. Der Sport wäre nach Gebauers Ansicht gut beraten, solche Strategien zu entwickeln. Damit würde er an Autonomie zurückzugewinnen.