Jérémy Desplanches und das kalkulierte Risiko

Jérémy Desplanches gewöhnt sich langsam an seinen neuen Trainingsrhythmus in Martigues. Ob der WM-Zweite über 200 m Lagen bereit ist, seine Medaille Ende Juni zu verteidigen, weiss er nicht.

Fürchtet der Genfer, der mit vier Medaillen bei den letzten vier grossen Meisterschaften ein Mann der wichtigen Rendez-vous ist, Sponsoren und Medien zu enttäuschen? «Als ich mich entschied, zu Philippe Lucas zu wechseln, habe ich alle meine Sponsoren kontaktiert und ihnen erklärt, dass ich mich für eine gewisse Zeit in Gefahr begeben muss», betont Desplanches.

«Man sagt, dass es sechs bis zwölf Monate braucht, um eine neue Trainingsmethode zu verinnerlichen. Seit meiner Ankunft in Martigues ist es nun sieben Monate her. Das kann für Budapest reichen – oder eben auch nicht …», ist sich der Westschweizer bewusst. Hingegen bei den im August in Rom geplanten Europameisterschaften wird er sicherlich auf dem Höhepunkt seines Könnens sein.

Das Projekt mit Lucas ergibt Sinn

«Ich habe auf jeden Fall die Unterstützung all meiner Sponsoren gespürt. Es stimmt zudem, dass ich mich nicht ins Ungewisse begebe. Ein Projekt mit Philippe Lucas hat Hand und Fuss und ergibt Sinn», erklärt Desplanches, der sich allerdings fragt, ob die Journalisten Nachsicht üben werden. «Bisher waren die Schweizer Medien cool zu mir, weil fast immer alles perfekt für mich gelaufen ist», erinnert sich der Olympia-Dritte und zweifache EM-Medaillengewinner (Gold 2018, Silber 2021) über 200 m Lagen. «Aber wie werden sie reagieren, wenn ich weniger erfolgreich bin?», fragt er sich.

«Ich kann es mit Frankreich vergleichen, wo man bei guten wie bei schlechten Ergebnissen sehr schnell in den Fokus der Berichterstattung gerät», betont der Genfer, dessen Leben sich nach den Olympischen Spielen 2021 nicht geändert hat: «Tokio hat mich aber gestärkt und gezeigt, dass meine Medaillen zuvor kein Zufall waren.»

Er habe oft etwas Schmeichelhaftes wie gleichzeitig auch Beleidigendes gehört, so Desplanches: «Du bist so gut, dass dich alle unterstützen und du deshalb keine weiteren Sponsoren brauchst. Darüber muss ich schmunzeln. Denn normalerweise ist es so, dass je besser du bist, desto mehr Geld verdienst du.»

Die Freundin wundert sich

Seine Lebensgefährtin Charlotte Bonnet, eine Französin, kann diese Situation kaum verstehen: «Jérémy sollte mehr Medienpräsenz haben. Wenn ich eine Medaille aus Tokio mitgebracht hätte, dann hätte ich nicht das gleiche Leben wie er jetzt. Ich hätte sehr viele Medien- und Sponsoren-Anfragen gehabt.»

Bonnet sagt, dass sich ihr Leben verändert hätte. Das erlebte sie selbst – als erst 17-Jährige – schon einmal. «Das war, nachdem ich an den Olympischen Spielen 2012 eine Medaille gewonnen habe», erinnert sie sich. «Dabei war es doch ’nur‘ eine Staffel-Medaille (über 4×200 m Crawl – Red.). Doch jede Medaille hat mein Leben verändert», erzählt die dreifache Europameisterin von 2018.

Desplanches‘ Leben habe sich aber nicht wirklich verändert, und «das ist schade für ihn. In der Schweiz habe ich den Eindruck, dass die Medien sich nur auf eine Handvoll Athleten konzentrieren und andere vernachlässigen», bedauert Charlotte Bonnet. «Und er wäre auch nicht mehr in den Medien, selbst wenn er in der Schweiz leben würde. Man setzt einfach weniger auf den Sport als in Frankreich.»