Shaqiris Rücktritt hat eine grosse Lücke hinterlassen
Vor dem Testspiel gegen Luxemburg stellt sich die Frage, wer bei der Schweiz für die offensiven Impulse sorgen soll. Auf der Position hinter der Spitze herrscht derzeit ein Vakuum.
Gut 75 Prozent Ballbesitz, aber weniger Abschlüsse als der Gegner: Es war die Statistik, die beim 1:1 im Testspiel gegen Nordirland am meisten zu denken gab. Die Schweizer waren spielbestimmend, offensiv aber erschreckend ideen- und harmlos. Die Nordiren konzentrierten sich mehrheitlich auf die Defensive, waren aber in ihren Angriffen bissiger, zielstrebiger und insgesamt dem Siegtreffer sogar näher.
Einen gebrauchten Abend hatte aus Schweizer Sicht nicht zuletzt Michel Aebischer. Von den drei zentralen Mittelfeldspielern sollte er den offensiven Part übernehmen. Es zeigte sich aber, dass ihm diese Rolle weniger liegt. Immer wieder liess er sich weit zurückfallen, konnte kaum offensive Akzente setzen. Nach einer Stunde wurde der Bologna-Legionär von Trainer Murat Yakin ausgewechselt.
Aebischer war der vierte Spieler, den Yakin in den letzten vier Spielen zentral hinter der Spitze aufstellte. Zuvor hatte es der Nationalcoach mit Simon Sohm, Zeki Amdouni und Fabian Rieder versucht. Die drei zeigten teilweise gute Ansätze, aber keiner konnte vollends überzeugen. Es wird klar, dass der Rücktritt von Xherdan Shaqiri eine grosse Lücke hinterlassen hat, auch wenn dieser am Schluss nicht mehr zum Stamm gehört hatte.
Der Zehner ist selten geworden
Der klassische Zehner, benannt nach der Rückennummer, welche die Spieler auf dieser Position trugen, ist im modernen Fussball selten geworden. Seit Spielern wie Zinedine Zidane, Ronaldinho oder Riquelme haben sich Dynamik und Taktik verändert. Kreativität allein reicht nicht mehr aus, von den Spielern im Zentrum wird auch Defensivarbeit verlangt. Die Spielmacher finden sich daher immer häufiger auf defensiveren Positionen oder sogar auf den Flügeln wieder.
Das ist auch bei Yakin so. So ist die Nummer 10 in der Nationalmannschaft seit Jahren an Captain Granit Xhaka vergeben, der bekanntlich eher als Sechser oder Achter agiert. In dessen Abwesenheit trägt sie im aktuellen Aufgebot Vincent Sierro, ebenfalls eher ein defensiver Mittelfeldspieler.
An der erfolgreichen EM liess der Schweizer Nationaltrainer im System 3-4-3 spielen, wobei die Angriffe über die Flügel forciert wurden. Zuletzt griff er aber wieder vermehrt auf das 4-2-3-1 zurück, das eigentlich auf einen Zehner ausgelegt ist. Das Experiment mit Aebischer verteidigt Yakin: «Nach seiner Verletzung wollte ich Michel ein paar Einsatzminuten geben. Er hat läuferische Qualitäten, eine starke Präsenz in der Box und kennt unser Spiel.»
Ein anderer Kandidat für zündende Ideen in der Offensive wäre Alvyn Sanches. Dieser brachte nach seiner Einwechslung in Nordirland etwas mehr Schwung in den Angriff, doch sein Debüt endete bitter. Nach einem Zweikampf humpelte er vom Platz, am Sonntag gab sein Verein Lausanne-Sport bekannt, dass der 22-Jährige einen Kreuzbandriss erlitten hat und mehrere Monate ausfallen wird. «Es ist sehr schade und tut uns allen weh, diesen tollen Fussballer nicht auf dem Platz zu sehen», sagt Yakin. Die Mannschaft veröffentlichte am Montag ein Video, in dem alle Spieler gemeinsam Sanches gute Besserung wünschen.
Rieder vom Hoffnungsträger zum Sorgenkind
Gegen Luxemburg könnte daher Fabian Rieder wieder eine Chance auf der zentralen Offensivposition erhalten. Der 23-Jährige gilt seit geraumer Zeit als Hoffnungsträger und unterstrich sein Potenzial nicht zuletzt mit starken Leistungen an der EM in Deutschland. Auf Vereinsebene kam der Emmentaler seit seinem Abgang von YB allerdings nicht richtig in Tritt. Nach einem schwierigen Jahr in Rennes war er im vergangenen Sommer froh, dass die Ausleihe nach Stuttgart klappte.
Bei den Schwaben kam Rieder zunächst regelmässig zum Einsatz, doch in diesem Jahr setzt Trainer Sebastian Hoeness kaum mehr auf ihn: In elf Bundesligaspielen wurde er dreimal für die Schlussphase eingewechselt. Ansonsten sass er immer auf der Ersatzbank, im letzten Spiel gegen Bayer Leverkusen musste er sogar auf die Tribüne. Während der Verein den Vertrag mit Hoeness kürzlich verlängert hat, wird die Kaufoption bei Rieder wohl kaum gezogen.
Und so landet man unweigerlich wieder bei Shaqiri. Dieser hatte in einem Interview mit der «NZZ» aufhorchen lassen, als er sagte, er schliesse eine Rückkehr in die Nationalmannschaft «im Moment» aus. Auf Nachfrage meinte er nur, im Fussball wisse man nie. Dennoch spricht wenig für ein Comeback.
Yakin muss sich also fragen, ob er am 4-2-3-1-System festhält und den idealen offensiven Spielmacher noch findet, oder ob er wieder umstellt und auf Pässe aus dem defensiven Mittelfeld setzt. Das Spiel gegen Luxemburg, das ähnlich defensiv agieren dürfte wie Nordirland, könnte ihm diesbezüglich neue Anhaltspunkte liefern.