Das scheinbar Unmögliche möglich machen
Dominik Moser
Die sogenannte Liga Qualifikation ist das Tor zur National League. Das Format, in dem sich der Letzte der National League gegen den Meister der Swiss League in einer Best-of-7-Serie behaupten muss, hat in den letzten Jahren stark an Bedeutung verloren. Regeländerungen und Modus-Anpassungen haben die Aufstiegschancen der Teams aus der Swiss League deutlich erschwert. Der letzte sportliche Aufstieg gelang vor sieben Jahren den Rapperswil-Jona Lakers, die den EHC Kloten im entscheidenden siebten Spiel der Serie in der Verlängerung besiegten.
Damals unter den jubelnden Lakers-Spielern: Jorden Gähler. Der Ostschweizer Verteidiger hat nun mit dem EHC Visp die Chance, zum dritten Mal in seiner Karriere in die höchste Schweizer Liga aufzusteigen. 2022 gehörte der 32-Jährige auch dem Klotener Aufstiegsteam an, das wie ein Jahr zuvor Ajoie von der Aufstockung der National League auf 13 beziehungsweise 14 Teams profitierte und dem somit der Gang in die Liga-Qualifikation erspart blieb.
Drei Aufstiege mit drei unterschiedlichen Klubs, das haben im Schweizer Eishockey bislang nur wenige Feldspieler geschafft. Kevin Schläpfer, der heutige Sportchef von Basel, ist einer davon (1993 mit Olten, 1998 mit Langnau und 2000 mit Chur).
Für Gähler, der sich nie in der National League etablieren konnte, käme eine neuerliche Promotion ziemlich unverhofft. Denn anders als damals bei den Lakers und in Kloten, als ein Aufstieg DAS grosse Ziel war, hat noch vor Kurzem keiner damit gerechnet, dass der EHC Visp schon bald diese Chance erhält. Schliesslich hat der Klub seit dem letzten B-Meistertitel 2014 in zehn Jahren bloss zwei Play-off-Serien gewonnen.
«Noch im Januar hätte wohl kein Spieler von uns Geld gewettet, dass wir Meister werden», sagt Gähler. Der Offensivverteidiger erzählt davon, wie die einzelnen Spieler in den letzten Wochen an der Aufgabe gewachsen sind, und mit jedem Erfolgserlebnis auch der Glaube ans ultra-defensive System von Trainer Heinz Ehlers.
12:2 Siege lautete die Visper Bilanz in den Play-offs, in denen die Oberwalliser zuerst den Kantonsrivalen Sierre, dann Thurgau und im Final auch noch den Qualifikationssieger Basel gebodigt haben. Erwartet hat das niemand, so Gähler: «Der Druck lag nie bei uns. Das ändert sich auch in der Liga-Qualifikation nicht.»
Die Ausländerfrage
Doch wie stehen Visps Chancen? Ajoie hat auf dem Papier das klar bessere Team. Insbesondere auf den Ausländerpositionen sind die Jurassier, die zum zweiten Mal nach 2023 ihren Platz im Oberhaus verteidigen müssen, deutlich besser besetzt. Allerdings dürfen in der Liga-Qualifikation nur noch vier Import-Spieler aufs Match-blatt. Das sind zwei weniger als in der National League, aber immer noch zwei mehr als in der Swiss League. Kein Team in der National League war in der abgelaufenen Saison so sehr auf sein ausländisches Personal angewiesen wie Ajoie. Speziell das Powerplay war eine grosse Stärke.
Anttoni Honka, T.J. Brennan, Jonathan Hazen, Philip-Michaël Devos, Oula Palve oder der langjährige NHL-Stürmer PierreÉdouard Bellemare sind alles potenzielle Leistungsträger, dazu stösst mit einer B-Lizenz vom Swiss-League-Finalisten Basel der Kanadier Jakob Stukel zum Team. Ajoie-Trainer Greg Ireland hat also die Qual der Wahl: Wen lässt er spielen? Wen setzt er auf die Tribüne? Entscheidungen, die für Unruhe im Team sorgen könnten, besonders, wenn es nicht läuft.
Für den EHC Visp wäre das höchstens ein Luxusproblem. Der Unterklassige aus dem Oberwallis verfügt mit Jacob Nilsson, Adam Brodecki und dem in den Play-offs kaum mehr eingesetzten Garry Nunn lediglich über drei gestandene ausländische Spieler. Als vierter Ausländer könnte Simas Ignatavicius, ein bei Servette ausgebildeter, erst 17-jähriger Litauer, zum Einsatz kommen.
Der Faktor Selbstvertrauen
Die Favoritenrolle scheint also klar verteilt. So sagte Visps Trainer Heinz Ehlers kürzlich zu «Blick»: «In der Liga-Qualifikation dürften wir eigentlich keine Chance haben. Aber man weiss trotzdem nie, was in einer solchen Serie geschieht. Da trifft eine Mannschaft, die viel verloren hat, bei der dadurch auch das eine oder andere kaputt gegangen ist und die über wenig Selbstvertrauen verfügt, auf eine Mannschaft, die nur noch gewonnen, eine Riesenfreude und Euphorie hat. Gelegentlich kommt es dann vor, dass sich der Under-dog durchsetzt.» Ehlers weiss, wovon er spricht. Der 59-jährige Däne hat 2008 den EHC Biel zum Aufstieg gecoacht. Die Seeländer lies-sen dem oberklassigen EHC Basel damals mit 4:0 Siegen keine Chance. Für Ehlers wäre ein Aufstieg ein versöhnlicher Abschluss seiner Zeit im Wallis, denn seit Januar steht fest, dass er den Klub Ende Saison nach zwei Jahren verlassen muss. Der auslaufende Vertrag wurde nicht verlängert.
Ehlers’ ungewohnte Lockerheit
Der «Walliser Bote» schrieb damals von einer «unglücklichen Ehe» und «zwiespältigen Bilanz», «kein generelles Missverständnis, aber viel Unzufriedenheit, wenig Attraktivität und ein überschaubarer Erfolg». Seither hat sich das Team aber von einer ganz anderen Seite gezeigt, hat 15 von 19 Spielen gewonnen. Und auch Ehlers, der von sich selbst einst sagte: «Ich bin nie locker, nie!», ist in den letzten Wochen im Umgang mit dem Team gelassener geworden. «Hin und wieder witzelte er vor einem Spiel sogar. Diese Seite kannten wir zuvor gar nicht von ihm», sagt Visps Verteidiger Jorden Gähler.
Der EHC Visp scheiterte 2011 und 2014 im Kampf um den Aufstieg in der Liga-Qualifikation. Sollte es für den Schweizer Meister von 1962 nun 53 Jahre nach dem Abstieg tatsächlich mit der Rückkehr ins Oberhaus klappen, würde sich Heinz Ehlers in Visp ein Denkmal setzen.
Ajoie wird seit dem Aufstieg in die National League den Stempel des Dauer-Verlierers nicht los. Ab Dienstag müssen sich die Jurassier im Play-off gegen den B-Meister Visp den Ligaerhalt verdienen.
«In der Liga-Qualifikation dürften wir eigentlich keine Chance haben. Aber man weiss trotzdem nie, was in einer solchen Serie geschieht.»
Heinz Ehlers
Trainer des EHC Visp